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Welt-Down-Syndrom-Tag #corona #risikogruppe #ausgangsbeschränkung

Der erste Welt-Down-Syndrom-Tag, für den ich kein Plakat, keinen Post, nicht einmal ein Foto vorbereitet habe. 

Die letzten 14 Tage stehen bei uns zu Hause ganz im Schatten von Corona. Dirks Hochschule hat geschlossen und ich habe alle Unterrichte abgesagt. Homeschooling ist angesagt und funktioniert bei beiden Kindern eigentlich ganz gut. Die Klavierlehrerin kommt nicht mehr und Sport findet nur noch innerhalb des Hauses statt.

Als unser Ministerpräsident gestern das Inkrafttreten von Ausgangsbeschränkungen angekündigt hat, waren wir (erst einmal) erleichtert. Er hat mit seinen Maßnahmen eigentlich genau das verordnet, was wir schon seit 10 Tagen in freiwilliger Quarantäne leben. Henri ist aber nicht eingesperrt, er kann sich nicht nur hier im Haus, sondern auch im Garten und vor allem auch auf unseren täglichen Spaziergängen bewegen, als wenn nichts wäre... 

Natürlich ist etwas und das spürt er auch - er hat feinste Antennen für das, was um ihn herum vor sich geht... dabei muss nichts ausgesprochen werden. Wenn er ein bisschen hustet oder sich die Nase putzt, registriert er jeden auch noch so bemüht unauffälligen Blick von mir. Er sagt dann Ich habe mich nur ein bisschen erkältet oder Mama, ich bin nicht krank. Das Wort Erkältung hat seit mittlerweile drei Wochen eine völlig neue Qualität. Vor Corona hatten wir Henri gesagt, dass er sich warm anziehen muss, weil er sich sonst erkältet. Heute ist es umgekehrt und Henri versichert uns der elterlichen Beruhigung willen, dass er nur erkältet ist. 

Wir haben mit Henri besprochen, dass es wichtig ist, dass er sich nicht mit dem Corona-Virus ansteckt. Wir hätten die Gefahr anders nennen können oder womöglich Symptome beschreiben, aber da er Corona zwangsläufigständig hört und liest, ist es wohl besser, das Virus bei seinem richtigen Namen zu nennen. Henri weiß, dass er sehr krank würde, wenn er sich mit dem Virus anstecken würde und hält daher ganz vorbildlich alle Regeln vom richtigen Händewaschen über das Desinfizieren der Hände bis hin zur Niesetikette ganz genau ein. Da er das Haus nur mit uns zusammen verlässt oder mit der Fahne in den Garten geht, sollte es mit dem Abstand eigentlich auch kein Problem geben. 

Wie krank er werden könnte, weiß Henri nicht, aber vermutlich spürt er die Bedrohung. Henri hat das Down-Syndrom und einen komplexen angeborenen Herzfehler und gehört damit ohne Einschränkung zur Risikogruppe, die - wenn es gut läuft - durch die Solidarität der Allgemeinheit geschützt und vor lebensbedrohlichen Situationen bewahrt werden soll. Zur Ausgangsbeschränkung kam es, weil dieser Zusammenhang leider nur einem Teil der Nichtbetroffenen klar ist - mit der Maßnahme sollten auch diejenigen zur Einhaltung der Regeln gebracht werden, die der Meinung sind, Corona ginge sie nichts an, weil in ihrem Falle mit dem sog. milden Verlauf zu rechnen sei.  Eigentlich hatte ich die Erwartung, dass sich endlich auch das Verhalten der Nichtbetroffenen ändert, wenn Vertrauen in die Einsicht der Bürgerinnen und Bürger durch Auflagen ergänzt wird. Aber es gibt trotz Ausgangsbeschränkung immer noch viel zu viele, die meinen, sie sei eigentlich nur für die Risikogruppen gemacht. In der vergangen Nacht wurden im Saarland von der Polizei 25 Corona-Partys (Unwort des Jahres oder zumindest eines davon) aufgelöst und auch in unserer Spielstraße ist von der Ausgangsbeschränkung nicht zu spüren - ganz im Gegenteil, dort ist mehr los denn je 😓. Wenn wir das Haus zum Spazierengehen verlassen oder Henri mit der Fahne in den Garten möchte, muss ich darauf achten, dass Henri gegenüber der Sicherheitsabstand eingehalten wird .... was bei in Gruppen spielenden Kindern nicht einfach ist. Dass ich mich nun einerseits permanent unter Kontrollzwang und andererseits unter Erklärungsdruck für meine Vorsicht fühle, macht die Situation nicht leichter. Ich weiß, dass es gerade vielen Menschen ähnlich geht wie mir - sie sind wie wir besonders betroffen, weil sie (oder ihre Angehörigen) zur #risikogruppe gehören. Alle machen die gleiche Erfahrung wie ich und bitten um mehr Verantwortungsgefühl der Gemeinschaft gegenüber. Die warnenden Stimmen der Risikogruppe werden immer lauter - in Zeitungsartikeln und als Aufrufe in den sozialen Medien - und ich hoffe für sie und Henri, dass sie bald auch die erreichen, die sich jetzt ungeachtet strenger Maßnahmen immer noch sicher zu fühlen scheinen.

 

Ich füge einen Text ein, der die Situation vielleicht etwas anschaulicher schildert und den einen oder anderen zum Nachdenken bringt.

 

DIE Risikogruppe

Immer wieder höre ich in den Nachrichten, DIE Risikogruppe.
Und dann wird von Oma und Opa gesprochen...nach einer kurzen Pause folgen dann eventuell noch chronisch Erkrankte und Immunschwache...Wenn überhaupt. 

Zu Oma und Opa können die meisten von uns noch eine Assoziation herstellen.Man hat seine eigenen Großeltern vor Augen. Klar,würde man Oma oder Opa schützen wollen. Das betrifft zwar einen auch nicht selbst,aber zum Schutze von ihnen,würde man den Kontakt zu ihnen einschränken oder erst einmal aussetzen. 
Chronisch Kranke und Immunschwache hingegen..Ja mein Gott,wer kann das schon sein? Und ganz ehrlich,wenn es so sein soll,dann wären DIE auch von einer Grippe schwer erkrankt oder vielleicht gestorben....
Schlimm,ja, aber wirklich betroffen macht es gefühlt nur wenige,weil die Mehrheit keinen persönlichen Bezug zu DER Risikogruppe hat, außer eben Oma und Opa. 

DIE Risikogruppe- ihr fehlt ein Gesicht.

Es sind nicht nur ältere Menschen,die vom Virus hart getroffen werden könnten. 
Es ist die Mama von 2 Kindern,die gerade die Chemotherapie hinter sich gebracht hat und sich zurück ins Leben gekämpft hat, zu ihren 2 Söhnen und ihrem Mann.Es ist das 8 Jährige Mädchen,welches herztransplantiert ist und medikamentös immunsupprimiert ist,um eine Abstoßung des wertvollen neuen Organs zu verhindern. Es ist der Papa,der an COPD leidet und dessen Lunge bereits alles dafür tut,dass er noch ein,vielleicht zwei Jahre mit seinen Kindern so gut es geht erLEBEN darf.

Sie ALLE sind DIE Risikogruppe. Sie ALLE leben unter uns, mal mehr mal weniger offensichtlich. DIE Risikogruppe ist kein Neutrum, es sind MENSCHEN, mitten unter uns. Dein Nachbar, dein Freund, der Bekannte,Kinder,Jugendliche, Mamas und Papas. Sie ALLE sind auf ihr Umfeld angewiesen,dass ihr Körper stabil bleibt,da sie durch ihre Geschichte bereits anfälliger geworden sind .

Mit DEINEM bewussten Verhalten schützt Du nicht DIE Risikogruppe. Du schützt die MENSCHEN in Deinem Umfeld, und VORALLEM die,die auf DEIN Handeln und DEINE Umsicht angewiesen sind. Du schützt also nicht nur Oma und Opa,sondern auch Laura (die Mama nach der Chemo), Melina (8 Jährige nach Herztransplantation und immunsuprimiert), Michael (Papa mit der Lungenerkrankung COPD) und ALLE anderen,die sich bereits zurück ins Leben kämpfen. Sie ALLE sind auf DICH angewiesen, heute mehr denn je ! 

DIE Risikogruppe beschränkt sich also nicht nur auf Deine Oma und Opa, es ist DEIN Umfeld, was auf DICH angewiesen ist. Laura, Melina, Michael und alle anderen die auf DICH angewiesen sind,werden es Dir danken,dass Du nicht nur DICH schützt, sondern auch sie,damit sie ihren Familien weiterhin erhalten bleiben💖🙏 
Für Dich gesunden Mensch mag es im Alltag etwas Einschränkung sein, für die Risikogruppe kann es über Leben und Tod entscheiden!

Bitte teilt diesen Beitrag,damit die Risikogruppe endlich ein Gesicht bekommt !
Unsere Solidarität ist heute mehr gefragt denn je!

 

Quelle: https://www.facebook.com/jokathy87/posts/2843238729078484

 

 

23. Februar 2020 - Henri beim Fahnenstehen im Garten

Corona ist noch ganz weit weg.

 

23. Februar 2020 : Henri und die Kugelbahn

Henri baut die Bahn vollkommen selbständig und in verschiedenen Varianten nach Plan auf. Ich selbst bekäme nicht mal eine Min-Bahn hin und sein Vater müsste wohl auch erst einmal üben. Henri ist richtig stolz auf sein Können und hat sich gern fotografieren lassen, um seinem neuen Logopäden anhand der Fotos von einer seiner Lieblingsbeschäftigungen im Haus berichten zu können. 

 

8. März 2020 - Wir wandern vom Schlossberg aus nach Kirrberg 

Nachdem Henri bei YouTube eine für ihn neue Sportart entdeckt hat, versucht er nun mit Dirk das Ringen zu üben. 

 

8. März 2020 - In der Fischerhütte stärken wir uns mit einem Heißgetränk für den Rückweg.

Auf dem Foto rechts sieht man Henri in seiner Nichts-hören-wollen-Stimmung ;-).

 

14. März 2020 - Opas Geburtstagsfeier fällt aus und wir wandern durch Wiesental. Die Fotos links und rechts oben sind "Auftragsfotos" : Henri mag Fotos mit der Sonne im Rücken und hat am Sonnenstern so viel Gefallen wie ich. 

 

Meine Eltern und ich waren nicht von Anfang einer Meinung, aber schon eine Woche später gilt im Saarland die Ausgangsbeschränkung und es war sicher die richtige Entscheidung, den Geburtstag abzusagen. Maries Besuch im Saarland sollte eigentlich nur wenige Tage dauern. Am 16. März - ihrem geplanten Abreisedatum -  haben aber nicht nur die saarländischen Schulen geschlossen, sondern auch Maries Uni in Montpellier. Und so sind wir ganz unverhofft auf einmal wieder eine richtige Großfamilie. Nur Elias fehlt - er hat letzte Woche noch in Heidelberg gearbeitet und zu Henris Schutz entschieden, die nächsten Wochen nicht nach Hause zu kommen. So schwer es mir gefallen ist, mich für längere Zeit von ihm verabschieden zu müssen, so froh war ich, dass auch für Elias Henris Gesundheit über allem steht. 

 

15. März 2020 - Wir sind wieder in Kirrberg auf der Höhe unterwegs

Wie traurig, dass wir nicht einfach bei Oma und Opa vorbeifahren können. Zwar ist zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede von Ausgangsbeschränkungen, aber der besondere Schutz soll nicht nur Henri, sondern auch den Großeltern zugute kommen. Mittlerweile leben auch sie in freiwilliger Quarantäne und werden von den Kindern mit den Dingen des täglichen Bedarfs versorgt. 

 

17. März 2020 - auf unserer Runde durchs Wiesental

 Position und Haltung von Kind und Hund bestimmt immer Henri ... das ist der Grund, warum alle Henri-Juri-Fotos so ähnlich sind ;-). 

Die Auszeit von Schule und Beruf beschert uns nicht nur Homeoffice und Homeschooling, sondern viel Zeit in der Natur. Auch die Kamera wird gerade wieder richtig genutzt. 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    monika (Sonntag, 22 März 2020 09:37)

    Ich bin sehr erleichtert, dass bei Euch noch "alles in Ordnung" im Rahmen dessen, was wir alle nun erleben, ist. Mir war immer klar, dass es bei Euch zusätzlich zu Großeltern noch mehr "Risikogruppe" gibt, und so ist Dein Post mein heutiges Sonntagsgeschenk. Hoffentlich bleibt alles so gut. Meinst Du, dass ich etwas machen könnte, das speziell Henri Freude macht, beispielsweise eine Postkarte schicken, eine Fahne von irgendwo, ein Spiel oder ein Buch, etwas anderes ...? Wenn ja, dann lass es mich bitte wissen, ich mache solche Dinge gerne. Ansonsten weißt Du ohnehin, wo und wie Du mich auch für Austausch erreichen kannst, der besser abseits des Blogs laufen würde. Auch unsere Universität ist seit 10 Tagen zu, ich arbeite vom Homeoffice aus, und nicht zu wenig. Viele gute Gedanken für Euch alle! Monika

  • #2

    henri-mittendrin (Montag, 23 März 2020 12:38)

    Liebe Monika, danke für deine lieben Worte - auch für die guten Gedanken sind wir sehr dankbar! Habe Henri gerade deine Zeilen vorlesen ... er war (wie immer ;-) ehrlich und noch einmal klar formuliert, was er sich seit Monaten wünscht: "Ein Fotobuch mit Fotos von meinen Freunden". Diesen großen Wunsch haben wir immer noch nicht umgesetzt. Auch wenn ich mit Bildbearbeitung betraut bin, habe ich niemals ein Fotobuch erstellt - es soll ganz einfach sein, aber ich habe mich bisher einfach nicht rangetraut �. Auf dein Angebot, Henri eine besondere Freude zu machen, werde ich ihn aber immer wieder ansprechen und dir per E-Mail Bescheid sagen, wenn er sich etwas offener zeigt. Danke und ganz liebe Grüße nach Österreich!