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Henris Förderung an der Förderschule - Eindrücke, Meinungen, Überzeugungen, Reaktionen und Gegenreaktionen

3. März  (-21. März ... Wieder hat es von Beginn bis zur Fertigstellung des Artikels drei Wochen gedauert.)

Drei Wochen nach meinem Blogartikel zur Förderschule melde ich mich hier zurück und danke erst einmal für so viele unterstützende und bestärkende Kommentare. Nie zuvor hatte ein Artikel eine solche Resonanz - jeder Kommentar hat mir gezeigt, dass es richtig war, diesen Schritt zu tun und dazu zu stehen. Er (und noch viel mehr die Unzufriedenheit und Ratlosigkeit dahinter) brannte mir lange auf der Seele, lag im Magen, machte den Kopf schwer und hat auch im Nachhinein viel freigesetzt - auch schwer Verdauliches. Auch wenn der Beitrag Förderschule, die Zweite und Letzte hieß, muss es nun doch einen weiteren geben ... nicht um meine Kritik zu erweitern, relativieren oder einzelne Aspekte noch einmal besonders zu betonen, sondern um ein paar Worte zu den Reaktionen darauf zu schreiben. 

Es hat mich überrascht, gefreut und oftmals sehr berührt, wie engagiert und manchmal sehr persönlich mein Beitrag kommentiert wurde. 

Einige habe mir auch in privaten Nachrichten geschrieben, wie betroffen und traurig sie beim Lesen  des Artikels waren. Mir ging es ebenso, als ich in den Kommentaren von den Erfahrungen anderer Eltern gelesen habe: Was Kindern mit geistiger Behinderung und deren Eltern - zum Teil vor vielen Jahren - widerfahren ist, beziehungsweise auch in diesen Zeiten als ganz normaler Schulalltag  beschrieben wird, ist erschütternd. Ich wünschte, dass diese Erfahrungsberichte mit großer Offenheit aufgenommen würden, insbesondere auch von den sog. Inklusionsskeptikern. Nicht alle, die von schlechten Erfahrungen berichten, sind dogmatische Inklusionsfanatiker (wie sie oft abwertend genannt werden) - es sind Eltern, die unglücklich sind mit der Förderung ihres Kindes und kein Gehör für Ihre Sorgen und noch weniger für Ihre Forderung nach Bildung  finden. Schaut euch an, wie ähnlich die Kommentare Betroffener sind: Was Andrea über ihren Alltag und den Dialog Eltern-Schule im Blindeninternat in den Achtzigern schreibt oder Angela über die Beschulung ihres mittlerweile 46-jährigen Sohnes. Wie intransparent es - zumindest für Familien, bei deren Kind Förderbedarf festgestellt wurde - auch an der Regelschule zugehen kann, beschreibt Tanja in ihrer Antwort auf den Kommentar der Förderschullehrerin. Frieda schreibt von ihrem Entsetzen und dass mein Bericht sich eins zu eins mit ihren Erfahrungen deckt. Auch Gaby berichtet, dass ihr Sohn in einer sog. Außenklasse der Förderschule kaum Lesen und Schreiben lernte und ihr von der Lehrerin erklärt wurde, dass man sich am Schwächsten der Klasse orientiere. Erschütternd auch, wasTineD (die mit ihrem Sohn vor zwanzig Jahren die gleichen Erfahrungen gemacht hat) von den Gepflogenheiten in den Transportbussen schreibt - dass ihre Versuche, das Rauchen der Fahrer zu unterbinden öffentlich mit einem Leserbrief mit den folgenden Worten kommentiert wurde: Die Kinder dürfen ja froh sein, dass sie heutzutage nur noch ein bisschen vergast werden. Nein, im Henris Bus wird nicht geraucht - das wäre schon allein aufgrund des Nichtraucherschutzgesetzes nicht möglich. Aber allein der Gedanke daran, wie es  dieser Mutter damals wohl ergangen sein, lässt mich erschaudern. Die Kommentare betroffener Eltern ähneln sich - auch der heutige von Bettina, die beschreibt, dass nicht Lehrer, sondern sie selbst ihrem Sohn das Lesen und Schreiben beigebracht hat. Schlimm auch zu lesen, welche Erfahrungen Diatsi als externe Therapeutin eines Kindes mit Down-Syndrom macht. Wie sie ihren Eindruck hinsichtlich Wertschätzung und Umgang mit Kindern mit Down-Syndrom beschreibt - die Vorstellung von dem Jungen, der Tag für Tag einen Turm baut um ihn am Ende der am Ende der Stunde wieder umzuwerfen ist zum Weinen.

Meine aufrichtige Bitte an alle Förderschullehrerinnen, die hier mitlesen und womöglich den Eindruck haben, dass ich und all die anderen Eltern und Mütter Förderschulen diskreditieren wollen. Seien Sie doch bitte so offen, die Kritik auf sich wirken zu lassen und - was ich als hilfreichste Methode empfände - stellen Sie sich vor, das Kind, für dessen Bildung die Eltern kämpfen, wäre Ihr Kind und ob Sie als studierte Förderschullehrerin die gängige Art des Unterrichts auch für Ihr Kind als die beste ansehen würden. Bestimmt würden auch Sie Ihrem Kind zu Hause reichlich Gelegenheit zum Erlernen lebenspraktischerTätigkeiten geben und wären froh, wenn diese nicht Hauptschwerpunkt der schulischen Bildung wären. 

In vielen Kommentaren wurde nicht nur mangelnde Förderung des eigenen Kindes  beklagt, sondern auch das Bildungssystem im Allgemeinen kritisiert. Danke auch für diese Gedanken, die unsere persönliche Sorge um Henris Bildung in einen breiteren Kontext gestellt haben. Weniger hilfreich finde ich Vorwürfe für unsere Entscheidung, Henri auch im kommenden Schuljahr an dieser Schule zu belassen. Niemand von denen, die uns deshalb - teils in harschen Worten - kritisiert haben, kennt Henri und seine Geschichte so gut, als dass ihm/ihr ein solches Urteil zustände. Was Henris sowohl körperliche als auch seelische Gesundheit und Entwicklung betrifft, sind wir nie den einfachsten Weg gegangen - es war von Beginn an immer ein ständiges Abwägen und Ringen um den besten Weg. Auch wenn wir Kritik an Henris Förderung haben und öffentlich gemacht haben, heißt das nicht, das ein Schulwechsel alternativlos ist. Die Gründe habe ich sowohl im Blog als auch in einem Kommentar ausführlich erläutert - ihr dürft sicher sein, dass wir uns bestmöglich informiert haben und diese Entscheidung (wie alle andere auch) wohlüberlegt war. 

 

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    lukas.hillerr@hotmail.com (Mittwoch, 04 November 2020 13:56)

    ganz wundervoll, tief und schön - danke für eure SEIN in diesem Feld. Alles Liebe weiterhin - Lukas

  • #2

    henri-mittendrin (Donnerstag, 12 November 2020 17:21)

    Danke, Lukas, für deine liebe Rückmeldung <3.