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Was für ein Tag!

Gleich zu Anfang des zweiten postoperativen Tages kam die Physiotherapeutin, um Henri zu mobilisieren. Nachdem Henri gestern schon auf der Bettkante gesessen hatte, stand er heute zum ersten Mal auf zwei Beinen. Mit Unterstützung und noch etwas unsicher, aber ein Anfang war gemacht. Leider bekam er kurz später wieder diese Schmerzen, die ihm die Tränen in die Augen treiben und manchmal wimmern lassen. Wenn es ihm so geht, nehme ich ihn meist in den Arm, wir liegen Kopf an Kopf und wenn meine Augen feucht werden, dürfen auch seine Tränen fließen. Er ist so unglaublich beherrscht – man könnte auch tapfer sagen.

Die Schmerzen kommen wie in großen Wellen über ihn, jedoch nicht plötzlich, sie kündigen sich zart an und werden dann immer stärker. Meist klagt Henri nicht über Rückenschmerzen, sondern über Bauchschmerzen oder er zeigt auf den ZVK am Hals. Mittlerweile sind wir so erfahren, dass wir den extra Bolus rechtzeitig auslösen und nicht erst, wenn Henri zu weinen beginnt. So haben wir in den letzten drei Tagen schon ein besseres Gefühl für Schmerzlinderung bekommen.

In schmerzarmen Momenten hat er Appetit und lässt sich füttern – dann lächelt er auch manchmal. Liebe M., du schreibst, dass N. sich über ein Lachfoto freuen würde… vielleicht schaffen wir es ja morgen. 

Manchmal sind es weniger die Schmerzen als die vielen Einschränkungen, die ihm zu schaffen machen. Er fragt dann immer wieder, wann er auf Station kommt oder wann wir nach Hause fahren. Er will seinen Juri sehen und mit ihm spazieren gehen.

Rein medizinisch betrachtet ist der bisherige Verlauf völlig normal und nicht ungewöhnlich. Heute Nachmittag kam wieder der (beste!) Neurochirurg zu uns ins Zimmer und hat bei Henri den Verband gewechselt. Die Naht sieht sehr gut aus, sie ist weder gerötet noch entzündet. Wir haben auch wieder ein wenig über die Operation geredet und sie ist ganz offensichtlich viel besser gelaufen als erwartet. Die Operateure waren aufgrund von Henris Vorgeschichte auf Komplikationen eingestellt – wie dankbar sind wir, dass alles so gut gegangen ist. Am Abend kam dann noch der Oberarzt aus Neustadt und wieder ließ ich mich von dessen positiver Einschätzuung und Zuversicht gerne anstecken. Die bei der OP erreichte Korrektur sei fast physiologisch – ist das nicht toll?!? Noch einmal sprach er an, wichtig es sei, dass die Patienten bald auf die Beine kommen und sich bewegen. Deshalb sei die Verweildauer auf Intensivstation in Neustadt im allgemeinen auch kürzer. Gleich nachdem er gegangen war, setzten wir seinen guten Rat um und holten Henri mit Unterstützung der Krankenschwester zum zweiten Mal aus dem Bett. Es ging schon besser als am Morgen und als ich ihm gegenüber stand, staunte ich, wie anders er sich anfühlt … und wie groß er geworden ist! 

Weil wir ihm zuvor einen Bolus gegönnt haben, konnte auch Henri ein Glücksgefühl genießen – wenn auch etwas eingeschränkter als wir. Es imponierte ihm, seine neue Größe zu spüren und er war auch sehr stolz, so viel Lob für seine Tapferkeit zu bekommen. Als er wieder im Bett lag, hatte er etwas von Glückseligkeit im Gesicht, die mich ganz tief ergriffen hat. Er schien so zufrieden wie lange nicht und kündigte an,  schlafen zu wollen. Als wir uns verabschiedeten, sagte er Mama, zu Hause Klavier spielen und lernen - und strahlte! Und Fahnenstehen ergänzte ich. 

Wir waren an diesem Abend im Ronald McDonald Haus zum Abendessen eingeladen – für uns war es wie ein Fest. Auf dem kurzen Weg dahin fiel Schnee, es war fast unwirklich, diesen vertrauten Weg zum ersten Mal so leicht gehen zu können. Wir sind dann noch einmal zurück auf Station – Henri lag im Schein von Elias Mond in seinem Bett, ruhig atmend und den Hundi auf der Brust.

 

17. Januar 2019 - zweiter postoperativer Tag

Momente

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Kommentare: 4
  • #1

    Kirsten (Freitag, 18 Januar 2019 02:38)

    Liebe Doris ,
    wie schön deinen Bericht zu lesen und wie schön, dass es trotz all der Schmerzen wieder ein Stückchen aufwärts für Henri geht. Weiter so Ihr Lieben!

  • #2

    Nadine Meering-Brenner (Freitag, 18 Januar 2019 06:00)

    Liebe Doris,

    wenn ich so deinen Blog und deine Erfahrungen lese, kommen die Erinnerungen an Fiona ihre OP zurück. Es war eine harte, aber auch ausgesprochen schöne Zeit. In der Uniklinik haben wir uns sehr gut aufgehoben gefühlt. Es war sehr familiär, alle waren einfach nur lieb und toll. Ich hatte auch das Glück bei Fiona bleiben zu dürfen und darüber waren alle sehr froh. Meine Grossen waren auch dabei und es war für uns fast wie Urlaub. Das Operationsteam ist einfach nur grosse Klasse und wir freuen uns jetzt schon wieder auf den Sommer, da wir dann wieder zur Nachuntersuchung nach Neustadt fahren und dies mit einem Kurzurlaub verbinden. Ich würde sie jederzeit wieder dort operieren lassen.

  • #3

    Jana (Freitag, 18 Januar 2019 13:13)

    Wie wunderbar, dass es alles so gut gelaufen ist und Henri sich schon jetzt über seine neue Größe und seine Taperkeit freuen kann !!! Wünsche euch allen das Beste und einen unkomplizierten und schnellen Heilungsverlauf !

  • #4

    TS (Freitag, 18 Januar 2019 15:57)

    Ja, Tumor- und Knochenschmerzen sind die allerschlimmsten. Alle Achtung, dass Henri sich damit schon an Tag frei so gut mobilisieren lässt! Und auf den Größenunterschied war ich auch schon sehr gespannt, schätze mal, das es gut 10-15cm sein sollten...

    Weiterhin gute Besserung und schnelle Verlegung auf "die Station"!