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Auf dem Pausenhof

Nach meinem gestrigen Besuch an einer inklusiven Gesamtschule war ich gerade ins Auto gestiegen, als es zur Pause klingelte und die ersten Kinder auf den Schulhof stürmten. Weil ein Mädchen mit Down-Syndrom - es war in Henris Alter - darunter war, bin ich nicht gefahren, sondern erst einmal auf dem direkt an den Schulhof angrenzenden Parkplatz stehen geblieben. Das Mädchen setzte sich mit seiner  Brotbox auf eine der Bänke und begann zu essen. Die anderen Kinder waren zu zweit oder in Gruppen unterwegs und ich habe mich erst einmal gefragt, ob es dem Mädchen denn nichts ausmacht ohne Gesellschaft in dem bunten Treiben zu sitzen. Aber es machte einen fröhlichen Eindruck und ich schob meine Gedanken zur Seite - und war gespannt, wie sich die Situation wohl entwickeln wird. Nach einer Weile kam ein anders Mädchen dazu - es hatte auch Down-Syndrom und schien etwas jünger zu sein. Die beiden saßen nun gemeinsam auf der Bank und unterhielten sich, lachten und gickelten. Irgendwann stand das erste Mädchen auf und entfernte sich etwas. Weil ich im Auto saß, konnte ich sie nicht hören, aber sie  lachte, tanzte und schien vor sich hin zu sprechen und zu singen. Es kam mir vor wie eine Bühnenvorstellung (Henri nennt so etwas Aufführung) jedoch ohne Zuschauer. Ganz in sich versunken schien sie und hat mich an Henri erinnert, wie er mit der Fahne auf der Wiese steht und laut lacht und vor Freude mit den Armen schlägt, wenn ein Windstoß kommt. Das zweite Mädchen saß nun genauso auf der Bank wie zuvor das erste, das jetzt die Vorstellung gab. Es hatte zwar keine Gesellschaft, wirkte aber nicht traurig - die Situation auf der Bank schien ganz normaler Pausenalltag zu sein. Dann durchquerte eine Gruppe von Jungs mein Blickfeld - darunter ein Junge mit Down-Syndrom, der auch in Henris Alter war. Durchaus bewusst, dass dies eine Momentaufnahme war, hat es mich gefreut, ihn so zu sehen, als einer unter Gleichaltrigen - mittendrin sozusagen, ganz mein Thema. Die Pause war immer noch nicht zu Ende und ich genoss es, diese Pausensituation so ungeplant erlebt zu können. Nun achtete ich darauf, ob ich außer den beiden Mädchen noch weitere Kinder entdecke, die alleine und ohne Gesellschaft unterwegs sind. Ein einziger Junge ohne Begleitung ist vorbeigezogen - lange hatte ich auf ihn warten müssen. Die Jungs waren fast alle in größeren Gruppen unterwegs, die Mädchen oft auch paarweise. Die Pause kam mir lang war und ich war dankbar für jede Minute, die ich dort hatte. Ob das große Mädchen noch mal zur Freundin auf Bank zurückkehren wird? habe ich mich gefragt. Es kam aber ein Junge, er schien schon älter zu sein, trug ein Cappy und kam schnell ins Gespräch mit dem jüngeren Mädchen - auch diese beiden schienen sich gut und fröhlich zu unterhalten. Mein Herz tat einen Freudensprung: So soll es sein :-) und sofort schoss mir Inklusion in den Kopf. Die Pause war nun zu Ende und der Junge stand auf und bewegte sich dem Eingang zu. Da erst bemerkte ich, dass er leicht hinkte und offensichtlich auch eine andere Einschränkung hatte. 

Dieses Erlebnis hat sich quasi nahtlos an die Beste-Freunde-Geschichte angeschlossen. Schön, dass diese Kinder einander haben dachte ich mir. Und wenn sie nicht darunter leiden, auf dem inklusiven Schulhof unter sich zu sein, umso besser. 

Jedoch habe ich wieder einmal erfahren, dass Kinder ohne Behinderung ganz offensichtlich eher die Nähe zu anderen Kindern suchen, die ebenfalls keine geistigen Einschränkungen haben. Das ist so und ich finde, man darf es ihnen nicht vorwerfen.Es ist schon ein großes Glück, wenn unsere Kinder mit ihrem Anderssein akzeptiert und auch geschätzt werden, wenn man sie teilhaben lässt. Je älter Henri wird, umso weniger kann ich anfangen mit Wir sind alle verschieden oder Jeder ist anders. Und umso mehr mache ich mir Gedanken, wie ich ihm Kontakte ermöglichen kann, die über Respekt hinausgehen. Ich wünsche ihm die Erfahrung, Menschen zu treffen, die seine Nähe und Freundschaft suchen - beste Freunde eben. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Elisabeth (Freitag, 13 April 2018 11:59)

    Die Gedanken kenn ich. Leider ist es schwer Kontakte zu ermöglichen, die über Respekt hinausgehen.
    Zumindest hier bei uns.
    Robert "schnappt" sich zur Zeit Susannes Freundinnen. Und das ist nicht problemlos. Es sind ihre Freundinnen, und Robert kann nicht genug bekommen, wenn sie ihn mitnehmen. Z.B. ins Kino oder zum gelben Mc.... das haben sie von allein sehr gern getan, und nun würde er das am liebsten jeden Tag so wollen.
    Wenn die Mädeln nun ohne ihn etwas unternehmen oder nur in Susannes Zimmer allein sein wollen..... versteht er es nicht und wird traurig.
    Es ist schwer manchmal.
    Ich hätte gerne auch Jungs, die sich als seine Freunde fühlen. Kein Chance. da ergibt sich einfach nichts....
    liebe Grüsse und ein schönes Wochenende
    Elisabeth

  • #2

    henri-mittendrin (Freitag, 13 April 2018)

    Liebe Elisabeth, ich danke dir sehr für deinen Eintrag - umso mehr, als ich Stimmen wie deine so selten höre. Wenn ich immer wieder lese und höre, dass doch jeder anders ist und es von daher eigentlich unerheblich ist, ob ein Kind nun Down-Syndrom hat, weil ja alle Kinder verschieden sind, frage ich mich, ob das denn nun wirklich ernst gemeint oder vielleicht doch auch viel von Wunschdenken hat. Wo ich wohne, gibt es eine Selbsthilfegruppe, die mal einen Kalender mit dem Slogan "Alles ist möglich" herausgebracht hat. Je älter Henri wird, umso klarer wird mir, dass eben nicht alles möglich ist. Vielleicht sagt jetzt jemand, dass bei einem nicht behinderten Kind ja auch nicht alles möglich ist ... aber doch mehr als bei einem Kind wie Henri, der nicht nur einen komplexen Herzfehler und einen operationsbedürftigen Morbus Scheuermann hat, sondern dazu auch Einschränkungen im geistigen und sozialen Bereich. Was du von Susanne und deren Freundinnen beschreibst, erlebe ich Tag für Tag und es schmerzt immer wieder, daneben zu stehen, wenn Amelie abgeholt wird oder sich verabschiedet und Henri "auch übernachten" sagt. Was für eine Schule besucht Robert denn?