Henris schulische Förderung - heute mal Klartext

Aus gegebenem Anlass, spontan und frei von der Leber weg... na ja, fast.

Seit mittlerweile acht Jahren geht Henri in die Schule und das Thema Förderung begleitet uns wie vermutlich die meisten Elternhäuser. Es begann im letzten Kindergartenjahr, als wir auf der Suche nach einer geeigneten Schule waren. Wir hätten uns damals schon gewünscht, dass Henri, wie seine drei Geschwister, die Waldorfschule vor Ort besuchen darf. Inklusion, auch Integration, wurde dort aber damals noch nicht praktiziert und so hofften wir, an einer heilpädagogischen Waldorfschule eine Heimat für Henri zu finden. Anfangs schien einer Aufnahme dort auch nichts im Weg zu stehen ... jedoch fanden alle Bemühungen für uns völlig unerwartet ein jähes Ende, als uns just zu dem Zeitpunkt, als die Aufnahmegespräche an allen anderen Schulen bereits gelaufen waren, gesagt wurde, dass Henri für diese Schule nicht die erforderlichen Voraussetzungen mitbringt. Denn Henri ist ein G-Kind (GEISTIG behindert) und die Schule ist eigentlich für L-Kinder (LERNbehindert) und E-Kinder (ERZIEHUNGSschwierig) vorgesehen. Hätte man uns das am Anfang gesagt, hätten wir rechtzeitig nach einer Schule Ausschau halten können, die auch unser G-Kind aufnehmen würde.

Wir hatten Glück im Unglück und fanden eine Grundschule, deren Schulleiterin für die Montessori-Pädagogik lebt. Es ist eine staatliche Grundschule mit starker Montessori-Ausrichtung. Sie hatten damals schon andere Kinder mit Behinderung aufgenommen und die Schulleiterin war zuversichtlich, dass auch Henri integriert werden könne. So war es dann auch: Auch wenn die Beschulung eines Kind mit Down-Syndrom für die meisten von Henris Lehrerinnen und Lehrern Neuland war, nahmen alle die Herausforderung an, ihn nicht nur in die Klassengemeinschaft integrieren, sondern auch im Sinne einer Vermittlung von Lernstoff zu fördern. Damals war völlig ungewiss, ob Henri jemals lesen und schreiben lernen würde ... aber wir alle haben gemeinsam und in Kooperation unser Bestes gegeben. Ich erinnere mich sehr gut an die Zeit, als Henri im Alter von acht Jahren seine ersten Buchstaben mehr malte als schrieb... Die Geduld wurde belohnt und ich nahm mir gerne die Zeit, auch am Nachmittag mit Henri zu üben. Als dann zwei Jahre später eine von Henris Lehrerinnen eine private Montessori-Grundschule gründete, haben wir ziemlich bald entschieden, dass Henri Schüler von einer der beiden neu zu gründenden Klassen sein würde - zumal diese Lehrerin und zukünftige Schulleiterin ihm in ganz besonderer Weise zugeneigt war. Auch in der Montessorischule wurde Henri konsequent gefördert und wir waren immer wieder erstaunt über die Entwicklungsmöglichkeiten unseres Sohnes, der für die heilpädagogische Förderschule nicht die notwendige Mindestintelligenz mitgebracht hatte. Von Vornherein war klar, dass nach dem vierten Schuljahr ein Wechsel in eine weiterführende Schule ansteht und es kam uns sehr entgegen, dass Henri die vierte Klasse wiederholen durfte.

Im Anschluss an die Grundschule hätte Henri die weiterführende Montessorischule besuchen können, aber alleine der Umstand, dass dort täglich bis mindestens 16.30 Uhr verpflichtend Unterricht ist (Ganztagsschule), ließ uns diese Schule ausschließen. Mit viel Glück, Segen und guten Kräften hat sich die Situation dann so entwickelt, das Amelies engagierter Waldorf-Klassenlehrer sich bereiterklärte, Henri in eben dieser Klasse aufzunehmen, zum fünften Schuljahr. Alles schien perfekt und wir waren dankbar, dass unsere Schule bereit war, Henri als erstes (und immer noch einziges) behindertes Kind aufzunehmen. Nun hatten wir drei Kinder an unserer Waldorfschule, unsere Älteste hatte dort bereits Abitur gemacht (zur Info für Zweifler: ein völlig normales Abitur, das gleiche Zentralabitur, das alle anderen saarländischen Staatsschüler geschrieben hatten).

Henri hatte und hat auch einen Förderlehrer, der im ersten Jahr vor allem die Basalsinne fördern wollte - dies geht am besten mit Malen und Basteln ... sprich: Lesen und Schreiben fielenl ab sofort vollkommen in meine Verantwortlichkeit. Meine Unzufriedenheit mit dieser Situation wurde auch nicht besser, als mir gesagt wurde, dass ich diese Arbeit doch sehr professionell tue (ich bin nicht nur Dozentin für Deutsch als Fremdsprache, sondern auch ausgebildete Waldorf-Klassenlehrerin), im Gegenteil: Beim letzten Gespräch mit der Schulleitung habe ich mein Befremden darüber offen zum Ausdruck gebracht. An welcher Schule kommt es vor, dass Lehrer Eltern Tätigkeiten überlassen, weil diese es so gut können ... fast ein bisschen komisch, aber für mich nach zwei Jahren eben nicht mehr. Die Schulleitung verstand, dass mir an einer Änderung der Zuständigkeiten sehr gelegen war und schlug einen "Rollentausch" (Zitat!) vor: Förderung der Kulturtechniken in der Schule und Pflege der Seele und der Basalsinne zu Hause.

Leider hat sich seit diesem letzten Gespräch vor den Herbstferien nichts oder nichts Grundsätzliches geändert. In den Herbstferien habe ich schließlich  ein neues Lehrwerk (Jo-Jo, Stufe 2 mit Förderheft) mit Sprach- und Arbeitsbuch angeschafft, in dem Henri morgens im Rahmen des normalen Unterrichts mit seiner Integrationshelferin (Schulbegleitung heißt es in anderen Bundesländern) arbeitet und am Nachmittag mit mir. Für den Förderunterricht wurde nach wie vor kein Lehrwerk angeschafft. Auch meine Nachfrage/Angebot, dass wir doch gemeinsam mit diesem Jo-Jo arbeiten könnten - und gewissermaßen an einem Strang ziehen - wurde, schlicht gesagt, abgelehnt. Dieses Lehrwerk gehe an Henris Lebenswelt vorbei. Zu viel Grammatik - was defintiv NICHT der Fall ist. Vielmehr sind die meisten der Situationen, besser als in jedem anderen Lehrwerk, der tatsächlichen Lebenswirklichkeit angepasst. 

Heute nun haben sich die Ereignisse gewissermaßen überschlagen. Zum einen hat die auf meinen Wunsch beauftragte Gutachterin des Förderzentrums (das eigentlich gar nicht für die Waldorfschule zuständig ist, allenfalls auf Wunsch und in beratender Funktion) der Schule bzw. Henri einen Besuch abgestattet. Henris Integrationshelferin rief mich direkt danach an und berichtete mir, dass die Expertin für geistige Behinderung die Inhalte, an denen Henri seit zwei Monaten mit Freude und Erfolg arbeitet, für zu schwer erachtet. Sie hat gleichzeitig die Meinung vertreten, dass Malen und Basteln genau das Richtige seien.... Wo bitte ist der weinende Emoticon?!!? Nicht nur die I-helferin war betroffen/geschockt - mir ging es mit dieser Nachricht nicht besser, im Gegenteil.

Mit diesem Wissen ging ich dann heute Abend in ein schon länger terminiertes Gespräch, an dem nicht nur Klassen- und Förderlehrer, die Integrationshelferin und deren Vorgesetzte teilnahmen , sondern auch Henris Kinderarzt (der an anderen Waldorfschulen beratend tätig ist) und eine Freundin, die Henri von klein auf kennt und selbst als Förderlehrerin tätig ist.  Sie staunte nicht schlecht, wie groß die Unterschiede zwischen Staatsschule und Waldorfschule sind. Staatsschulen haben die Pflicht, das Recht auf Teilhabe umzusetzen, eine Wahlmöglichkeit besteht nicht. Unsere Waldorfschule ist bereits im dritten Jahr Modellschule für Inklusion, eine von 12 Waldorfschulen bundesweit ... mit einem einzigen (!) Kind mit geistiger Behinderung. Auf meine Frage, ob man nicht noch weitere Kinder mit Behinderung aufnehmen wolle/könne, erhielt ich die Antwort, dass es dazu noch Vorbereitung und Planung braucht. Was für ein Luxus!  sagt meine Freundin, die Staatsschullehrerin. Sie staunte auch, dass ich die Wochenpläne für Henri erstelle und diese gemeinsam mit der Integrationshelferin umsetze ... verkehrte Welt...

Alle, die uns und Henri kennen, wissen, dass wir keine übermotivierten Eltern sind, die ihr Kind mit allen Mitteln mindestens zum  Hauptschulabschluss bringen wollen. Auch der erste Arbeitsmarkt ist kein Ziel. Wir gehören nicht zu den Alles-ist-möglich-Eltern.  Wir sind uns sehr bewusst, dass NICHT alles möglich ist. Und gerade darum sind wir bemüht, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um Henri im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten ein möglichst selbständiges Leben zu ermöglichen. Lesen und Schreiben sind der Schlüssel dazu!  Es klingt banal, aber die Schule ist zum Lernen da und es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie eine Schule zulassen kann, dass die systematische Förderung dieser Fähigkeiten vor allem in den Händen der Mutter liegt. Dass die Arbeit mit einem Lehrwerk konsequent abgelehnt wird. Warum gesteht man Henri nicht zu, was für andere Kinder selbstverständlich ist? Warum wird er nicht im Rahmen seiner Möglichkeiten gefördert? Warum sollte die Seelenpflege bei Henri wichtiger sein als bei seinen Klassenkameraden? 

Dieser Eintrag ist mir schon lange ein Bedürfnis - wenn meine Gedanken und Argumente in der Schule schon auf wenig Anklang stoßen, sollen sie zumindest hier ihren Platz haben dürfen.  

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Kommentare: 9
  • #1

    Stefanie (Freitag, 22 Dezember 2017 18:35)

    Ach herrje! Ich dachte, sowas wäre Vergangenheit! Mein Bruder mit Down-Syndrom hat vor ca. 40 Jahren Lesen, Schreiben und Rechnen von unserer Mutter, weil Menschen mit Down Syndrom damals nur als praktisch bildbar galten. Mein Bruder liest Bücher, schreibt Briefe, spielt Flöte. Nur mit dem Rechnen hapert es bis heute. Ich arbeite als Sprachtherapeutin mit Kindergarten-Kindern mit Down Syndrom. Das Frühe Lesen ist ein fester Bestandteil.
    Ich schätze, Ihr müsst die Schule wechseln. Vergeudet Eure Energie nicht an die falschen Menschen, indem Ihr versucht, sie von etwas zu überzeugen, wovon sie sich nicht überzeugen lassen wollen. Es gibt genügend Schulen und LeherInnen, die Eurem Henri Lesen und Schreiben beibringen wollen und können. Ich wünsche Euch viel Glück und mehr fähige PädagogInnen auf dem Lebens- und Lernweg von Henri.
    Liebe Grüße, Stefanie

  • #2

    Astrid (Freitag, 29 Dezember 2017 09:27)

    Dazu gibt es sicher einiges zu schreiben und zu bedenken.
    Für mich als ebenfalls Betroffene (Mutter und Lehrerin) stellt sich die Inklusion in ganzer Breite als zunächst scheinbar schön dar. Wenn man genauer hinschaut sieht man überall, dass es nur schöner Schein ist und an den Eltern und Kindern letztendendes hängenbleibt. An vielen, wenn nicht gar fast allen Schulen wird von heute auf morgen Inklusion betrieben. Kaum ein Lehrer hat eine Ausbildung bzw. Weiterbildung hierfür bekommen. Nicht umsonst ist dies ein eigener Studiengang!
    Von Lehrerseite kann man nur ein großes Herz haben und das Kind/die Kinder mitnehmen...oft genug nur mitlaufen lassen. Das Soziale, die Kontakte zwischen *behinderten* und nicht behinderten Schülern kommen dabei oft zu kurz, Inklusion muss immer auch von der gesammten Elternschaft und den anderen Kindern mitgetragen werden. Einer meiner Söhne ist schwer herzkrank. Er wurde in seiner gesammten Schulzeit nur etwa 5 mal zu anderen Kindern eingeladen, weil andere Eltern einfach Angst hatten(Schrittmacher, Marcumar usw). Wir haben immer eingeladen, es kamen auch Kinder zu uns.....zumindest manche. Die Schulzeit meines Sohnes(mit nicht sichtbarer Behinderun) war einsam. Wer fängt sowas auf?
    Als Lehrerin habe ich auch schon mit Inklusionshelfern gearbeitet. Kaum jemand mag diesen wenig bezahlten Job machen. Inklusionshelfer sind häufig nicht ausgebildet auch wechseln sie häufig. Es gibt wenig Kontinuität, keine Vertretung wenn die Inklusionshilfe krank ist. Und dann hat man ein Kind in der Klasse, dass meist von einem Erwachsenen betreut, geradezu abgeschirmt wird......wie kommt dieses Kind in die Gemeinschaft rein? Und was ist wenn die Hilfe krank ist und das Kind plötzlich und unerwartet alleine in der Schule/dem Kindergarten?
    Gleichzeitig wünschen sich viele Eltern, dass ihr besonderes Kind eine normale Schule besucht....kann ich gut verstehen. In meinem letzten Zug hatte ich 36 Kinder in meiner Klasse, davon zwei mit geistiger Behinderung, eins hochbegabt und ein Kind mit kürzlich erfolgter Auslandsadpotion, er sprach kein deutsch. Dazu eine Klassenhelferin. Wie soll das gehen??Wie kann man jedem gerecht werden? Und diese Probleme gibt es ja nicht nur in Waldorfschulen.
    Das ganze System krankt!!! In jeder Richtung, auch an der Staatsschule.
    Auch wir schauen immer wieder genau hin und suchen immer noch nach der optimalen Schule für unseren Kleinen(mit geistiger Behinderung). Gibt es die irgendwo? Muss man Abstriche machen? Was bereitet aufs Leben am Besten vor? Und auch: wo nimmt das Kind am Wenigsten Schaden???
    Ich kann Ihrern Frust und Ärger natürlich gut verstehen, doch ich sehe auch Henri immer wieder in der Schule und er wirkt ganz froh.
    Alles Liebe!!

  • #3

    henri-mittendrin (Samstag, 30 Dezember 2017 12:42)

    Hallo Stefanie, ja, so etwas gibt es tatsächlich noch ... aber längst nicht überall. Nach dem, was ich von anderen Familien mitbekommen habe, ist es an den allermeisten Schulen Standard, dass einem Kind mit Down-Syndrom die Kulturtechniken vermittelt werden. Man kann diskutieren, auf welche Art man dies am besten tut, aber DASS auch unsere Kinder einen Anspruch auf Bildung haben - und zwar nicht nur praktische! - wird Gottseidank von den meisten Lehrern anerkannt. Du hast recht: Man sollte keine Energie vergeuden, "Menschen von etwas überzeugen zu wollen, die sich nicht überzeugen lassen wollen". Diese Erkenntnis habe ich mittlerweile (nach zwei Jahren...) auch und seit dem letzten Gespräch ist auch nicht mehr der Förderlehrer sondern der Bund der Freien Waldorfschulen mein Ansprechpartner. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass dieser sich unseres Anliegens annimmt. Denn es gibt durchaus Waldorfschulen, an denen Inklusion und Förderung von praktiziert wird - alles steht und fällt mit den Menschen, die dort wirken.

  • #4

    henri-mittendrin (Samstag, 30 Dezember 2017 13:40)

    Hallo Astrid, vielen Dank für die Gedanken, die Lehrer- und Elternsicht einschließen. Meine Kritik und dieser Blogeintrag, in dem ich mir die für mich außerordentlich belastende Situation erstmals von der Seele geschrieben habe, bezog sich jedoch nicht auf das System an sich. Wie ich in der Antwort an Stefanie gerade geschrieben habe, geht es mir dabei um eine sehr spezielle Auffassung der Förderung behinderter Menschen, die (nach meinem Verständnis und dem vieler anderer Pädagogen) mittlerweile längst überholt ist. Wenn in Frage gestellt wird, dass ein Kind mit Down-Syndrom die Möglichkeit zum Lernen von Lesen und Schreiben haben darf, handelt es sich dabei um eine höchst unzeitgemäße Auffassung, die im Regelfall dazu führt, dass das Kind als Erwachsener mehr als nötig auf Unterstützung angewiesen wird. Würde ich nicht meinen eigenen Beruf hintenan stellen und Henris Förderung in den Vordergrund, könnte Henri NICHT lesen. Er könnte sich nicht im öffentlichen Raum zurechtfinden. Er könnte auch nicht seine Michel-Bücher lesen. Er wäre auf einem Stand, wie es vor 40 Jahren noch gang und gäbe war (siehe Stefanie). Ich sage nicht, dass JEDES Kind auf JEDEN Fall lesen und schreiben lernen MUSS... aber WENN bei einem Kind die Möglichkeiten da sind... wie kann man ihm verwehren, dies (wie alle anderen Kinder) in der Schule zu tun? Nach Ansicht unseres Förderlehrers gibt es für Henri Wichtigeres als Lesen und Schreiben. Das sehe ich absolut nicht so - in der Schule sollte genau das in der Schule im Vordergrund stehen. Sinn des Schulbesuchs ist (meiner Auffassung nach) nicht, dass Henri einkaufen, Tisch decken und kochen lernt. Das klappt zu Hause prima und ist im Rahmen der Familie viel natürlicher, als wenn man (wie vorgeschlagen) mehrere Förderstunden zu einem Besuch im Real zusammenfasst. Übrigens hat mich nie jemand gefragt, ob Amelie einkaufen oder kochen kann. Sie wird beides in ihrem natürlichen sozialen/familiären Umfeld lernen. Mir erschließt sich nicht, warum das bei Henri anders sein soll? Denken die, für die praktische Bildbarkeit so wichtig ist, Henri würde zu Hause isoliert in der Ecke sitzen und zu Tisch gerufen, wenn das Essen fertig ist? Das Leben der meisten Kinder mit Down-Syndrom sieht ganz anders aus: Sie sind wie die anderen Familienmitglieder in die alltäglichen Abläufe integriert. Sie decken den Tisch, räumen den Spülmaschine ein und aus und gehen auch mit einkaufen. Sie kochen kleine Gerichte und backen Brötchen auf. Sie schreiben Einkaufszettel und legen die benötigten Dinge in den Einkaufswagen. Und wenn sie lesen können, können sie sogar zwei ungesalzene und eine gesalzene Butter in den Einkaufswagen legen, auch wenn die Verpackung gleich ist :-). Noch ein Wort zu den Integrationshelferinnen (die in anderen Bundesländern auch "Schulbegleitung" heißen): Wir haben nahezu durchgängig positive Erfahrungen mit diesen Frauen gemacht, die sich mit großem persönlichen Einsatz dafür einsetzen, dass Henri die Art von Förderung bekommt (Lesen, Schreiben und Rechnen), die unser aktueller Förderlehrer geringschätzt. Ich bin Henris Integrationshelferinnen unendlich dankbar und werde nicht müde, es ihnen und auch anderen gegenüber auszudrücken! Sie schreiben auch, dass Henri ganz froh wirkt... und nennen damit den Grund, warum wir nicht längst einen Schulwechsel vollzogen haben. Auch wir haben den Eindruck, dass Henri gut aufgehoben ist. Er hat seinen Platz in der Klassengemeinschaft, ist akzeptiert so wie er ist. Auch zu seinem Klassenlehrer hat er eine gute Beziehung - die beiden haben einen guten Draht zueinander. Das schätze ich sehr, denn es ist nicht selbstverständlich. An ihm schätze ich übrigens auch, dass er sich meiner Ansicht nicht verschließt, mich im Gegenteil darin unterstützt, dass Henri im Rahmen des Hauptunterrichts oder der Fremdsprachenstunden mit seiner Integrationshelferin lesen und schreiben lernen darf. Henri wird wie Ihr Sohn auch selten zu einem Kindergeburtstag eingeladen. Das war erst einmal eine Kränkung, auch der mütterlichen Seele ... "wenn er doch zumindest eine Einladung bekäme"... Aber wenn er denn dort wäre, würde er sein eigenes Ding machen, würde sich mit Fahne oder Lineal zurückziehen, während die anderen altersentsprechenden Tätigkeiten nachgehen. Er hat nun mal diese autistischen Züge und macht an liebsten sein eigenes Ding. Ich bin wirklich dankbar, dass das Thema "Kindergeburtstag" mich mittlerweile nicht mehr belastet. Ich denke also ganz und gar nicht, dass Henri nicht froh ist - im Gegenteil, es geht im gut an der Schule. Froh zu sein, ist wichtig und die beste Basis für alles andere. Man kann aber auch froh sein, wenn man die Möglichkeit hat, wie alle anderen Kinder zu lernen. Hospitieren Sie doch mal in der Klasse und erleben Sie, mit wie viel Freude und Ausdauer Henri in den klassischen (von mir ausgewählten Lehrwerken) arbeitet und wie stolz er sein Tun vor der Klasse präsentiert. Liebe Grüße und nochmals danke für Ihre Gedanken.

  • #5

    Kirsten (Sonntag, 31 Dezember 2017 01:19)

    Liebe Doris,

    was ihr erlebt, dass Henri wegen seiner kognitiven Einschränkungen eine angemessene und engagierte Förderung in Kulturtechnik und Allgemeinbildung vorenthalten wird, kennen viel zu viele Eltern.

    Bevor ich weiter schreibe, stelle ich es mal vorher klar: Ja es gibt tolle Schulen und tolle Lehrkräfte, die mit Engagement und Fachwissen Kinder und Jugendlichen mit kognitiven Einschränkungen ihren, den jeweiligen individuellen Potential angepassten, Zugang zu Bildung eröffnen- sei es im Vermitteln von Kulturtechniken auf verschiedenen Leveln oder basaler Förderung. Und eigentlich sollte genau dies der Standard in unserem Land sein. Viel zu oft ist es das aber leider nicht!

    Auch heute noch ist das, was ihr erlebt eben kein Einzelfall und weder auf Waldorfschulen noch auf inklusive Schulsituationen beschränkt. In Waldorfschulen ist es die Seelenpflege und an staatlichen Schulen sind es die sog. lebenspraktischen Fähigkeiten, die als angeblich wichtiger als die Förderung in Kulturtechniken angesehen werden.

    Das ist auch keine Frage von inklusiven oder separiertem Schulen (- ich weiß, wovon ich spreche: mein Sohn war die ersten 5 Jahre Schüler einer Sonderschule). In den auf ihre großartige Förderexpertise so stolzen separierten Schulen, findet man leider genauso oft die gleiche Situation. Da wird z.B. noch nicht einmal jeden Schultag wenigstens einmal das Erlernen der Kulturtechniken vorgesehen. "Ja, wir wollen die Kinder auch praktisch fördern, " wird dann meist begründet, "die Kinder üben zählen auch bei Sport und Spiel und Lesen beim gemeinsamen Ausflug in den Streichelzoo." Geschenkt! Eine wirklich tolle Förderung würde die Förderung in den Mittelpunkt stellen und den Rest als Mittel zum Zweck nutzen - nicht umgekehrt.

    In vielen, vielen Fällen wird das Vorenthalten von Bildungschancen auch nicht so offen kommuniziert, wie jetzt bei euch. Dann fahren Lehrkräfte eher ein Wohlfühlprogramm, das weder Kindern noch Lehrkräften Anstrengungen abverlangt. Die Eltern rennen hilflos gegen eine Wattewand von vorgeschobenen Argumenten, mit denen wortreich begründet wird, warum nicht mehr passiert. Und auch diesen Eltern sagt man, "schaut hin, euer Kind fühlt sich doch wohl." Natürlich: Kind und Lehrkraft fühlen sich wohl, wenn sich niemand anstrengen muss, wenn das Kind seine Schulzeit irgendwie verbringt und beschäftigt wird - Aber ist das gut für das Kind? Und ist das der Sinn von Schule?

    Ich will nicht behaupten, dass das Beschriebene typisch für die Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung in unserem Land ist - aber es ist eben auch nicht die große Ausnahme. Es ist für viele Familien Alltag - ich habe das immer wieder (mit-)erlebt. Und jede einzelne Lehrkraft und jede Schule, die mit dieser Haltung den Schülerinnen und Schülern entgegentritt, ist eine zuviel und beraubt die jungen Menschen ihres Rechtes auf Bildung.
    Und das gilt eben nicht nur für die jungen Menschen mit Down-Syndrom, die in den meisten Fällen fit genug zum lesen, schreiben und rechnen lernen sind. Das gilt umso mehr auch für die Kids die deutlich mehr Unterstützung und Hilfe brauchen als unsere Kinder.

    Dass es das beschriebene überhaupt und dann noch so häufig gibt, zeigt mir wie weit wir noch entfernt sind von einer Gesellschaft, die Menschen, speziell mit kognitiven Einschränkungen, als gleichberechtigte und gleichwertige Mitmenschen anerkennt. Und es zeigt mir auch, wie wichtig der Schritt , weg von einer bevormundenden Fürsorge durch Sonderbildung und hin zu gleichberechtigter Teilhabe an allgemeiner Bildung durch individuelle Unterstützung ist.


    Liebe Doris , du fragst : "Warum gesteht man Henri nicht zu, was für andere Kinder selbstverständlich ist? Warum wird er nicht im Rahmen seiner Möglichkeiten gefördert?"
    Ich verstehe diese Frage so gut. So eine Haltung zur Bildung bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen, ist zutiefst diskriminierend und Menschen verachtend. Mir treibt es genauso die Tränen der Wut und Hilflosigkeit in die Augen. Hat es mein Kind denn nicht schon schwer genug mit seinen behinderungsbedingten Einschränkungen? Warum müssen wir als Mütter denn nun auch noch darum kämpfen, dass unsere Kinder ihre eingeschränktes Potential entwickeln dürfen?.

    Du siehst, ich weiß auch nicht, was ich dir in der konkreten Situation jetzt raten soll. Ich weiß nur unsere Kinder haben ein Recht auf Bildung und wir müsssen das für sie einfordern, weil sie es selbst nicht können.

    Also gib nicht auf und kämpf weiter dafür, dass Henri alles das, was er lernen kann auch lernen darf und das dort, wo alle anderen jungen Menschen auch lernen. Und vor allem lass dir NIE, NIE einreden, dass du damit zuviel verlangst!

    ganz liebe Grüße von Kirsten

  • #6

    henri-mittendrin (Sonntag, 31 Dezember 2017 13:23)

    Tausend Dank, liebe Kirsten, für deinem Kommentar, den ich am liebsten auf die Startseite von henri-mittendrin setzen würde. Kannst du nicht meine Sprecherin werden ;-)? Am liebsten würde ich deinen Kommentar kopieren, einzelne - nein, die meisten - Sätze in Rot markieren und ihn dann großzügig verteilen. Diese zum Beispiel: "Hat es mein Kind denn nicht schon schwer genug mit seinen behinderungsbedingten Einschränkungen? Warum müssen wir als Mütter denn nun auch noch darum kämpfen, dass unsere Kinder ihre eingeschränktes Potential entwickeln dürfen?". Wir beide sollten zusammen mit Kirsteneins eine Privatschule aufmachen. Wenn ihr euch um alles Rechtliche und die Organisation kümmert, übernehme ich das pädagogische und didaktische Konzept. Liebe Leserinnen und Leser: Hier der Link zu Kirstens Blog "Zwischen Inklusion und Nixklusion" ... schaut unbedingt mal rein: https://kirstenmalzwei.blogspot.de

  • #7

    "Die Freundin" :) (Montag, 01 Januar 2018 09:56)

    In meinem Studium der Sonderschulpädagogik fiel immer wieder der Satz "Man muss die Kinder da abholen, wo sie stehen". Ohne Praxiserfahrung ist oft der Sinn nicht erkennbar gewesen. Es sollte doch selbstverständlich sein, dass versucht wird, einem Kind wie Henri das Lesen und Schreiben beizubringen, bzw es weiter zu fördern, denn: Andere Lehrer (und Henris Familie) haben es ja bereits versucht - mit Erfolg!
    In meinen Augen ist es unmöglich zu sagen, ein geistig behindertes Kind erhält Förderung der Basalsinne und lebenspraktische Förderung, ein lernbehindertes Kind erlernt lesen und schreiben. Extremer ausgedrückt: Ab IQ 70 lernt ein Kind lesen und schreiben, ab 69 und tiefer nicht. Wäre einfach, aber so funktioniert das nicht.... Ich möchte nicht sagen, dass lesen und schreiben (so wie wir es kennen!) immer möglich ist, aber bei Henri ist es sehr gut möglich und dann ist die Schule verantwortlich - keine Mutter hat mir je individuelle Arbeispläne geschrieben. Unvorstellbar. Genauso wenig möchte ich sagen, dass es nicht Kinder gibt, bei denen die lebenspraktische Förderung in der Schule erfolgen muss - jedoch ist das bei Henri nicht nötig. Henri ust von Beginn an in den Tagesablauf zu Hause eingebunden und kommt prima zurecht. Er ist in der Lage, die lebenspraktischen Tätigkeiten (sich duschen, sich etwas zum Essen zubereiten,...) proplemlos zu meistern. In seiner Familie wird gekocht und gebacken und wie die anderen Kinder ist er selbstverständlich schon immer Teil dieser Tätigkeiten.... Er muss es nicht in der Schule lernen. Und nun greift der damals so ungeliebte Satz... Die Kinder da abholen wo sie sich gerade befinden - ich habe es mittlerweile verstanden... �
    Über das System Inklusion im Allgemeinen kann man natürlich diskutieren. Natürlich wurde es uns im staatlichen System vor die Nase gesetzt. Und natürlich läuft es nicht immer optimal. Aber: Ich arbeite inklusiv an zwei Grundschulen. Hier bemüht sich jeder die behinderten Kinder (nicht nur eins pro Schule, sondern teils mehrere pro Klasse - und wieder sehr unterschiedliche Leistungsstände) so zu fördern, dass sie etwas mitnehmen. Und diese Bemühungen sind oft schon die halbe Miete.... Ich wünsche Henri, dass er, in seiner Schule, in der er sich sehr wohl fühlt, in Zukunft das lernt, was wichtig für seine möglichst selbstbsstimmte Zukunft ist - und dazu gehören ganz klar (unter anderem) das Lesen und Schreiben ☺️
    Liebe Grüße ☺️

  • #8

    henri-mittendrin (Sonntag, 14 Januar 2018 01:48)

    Danke auch dir, liebe Freundin ☺️für deinen Kommentar und deine Begleitung. Ich war an diesem dunklen Abend im Dezember so froh, dich dabei zu haben. Und natürlich weiß ich, dass du unter anderen Umständen viel mehr hättest beitragen können. Nach so vielen zermürbenden Gesprächen tat und tut es gut, verstanden zu werden - und das sogar von einer Förderlehrerin ;-).

  • #9

    Gabriele Beckmann (Mittwoch, 16 Juni 2021 20:48)

    Liebe Mütter, ich finde ihr Engagement wundervoll.Als Praktikerin bin Jahrgang 1960 fiel mir ein : Wir als Mütter brauchen eine Hausmacht hinter uns.Wie wäre es mit einem Inklusions-Kongreß in Göttingen.Unterbringung wie bei evangelischen Kirchen-tagen in einer Turnhalle. Zu diesem Inklusions-Kongreß wäre es toll, wenn auch die Kinder mitkämen.Helfer könnten sich um die Kinder kümmern, während sie die erste Bundesweite : Inklu Initiative ausrufen, mit Vorsitzenden Menschen die, die Pressearbeit erledigen, politische Eingaben vorbereiten usw. Die Kirchengemeinde im Rohns Viertel würde bestimmt beim Frühstück, Mittagessen: Spaghetti mit Soße/oder ein Süppchen mithelfen.Ich schlage den Sport-Campus in Göttingen hinter dem Klinikum Göttingen vor. Meine Söhne haben in Göttingen studiert : Philosophie/Germanistik auf Lehramt Gymnasium, hat das Referendariat abgebrochen und der andere Jura/Staatsexamen, da ich auch in Göttingen gewohnt habe, kenne ich mich dort aus. Die Gegebenheiten auf dem Sport Campus wären für Kinder die mit kämen - ideal. Großer Sportplatz wo die Kinder drauf toben können. Die Versammlungen könnten in eine der Hallen statt finden. Die Schillerwiesen - ein toller Park mit Spielplatz und kleinem Bach - für Kinder ist so ein Bachlauf ein wundervoller Spielort - liegt in der Nähe. Sonntags könnte ein Abschluss Picknick auf den Schillerwiesen stattfinden, Tische,/Bänke sind vorhanden.Es gilt dann nur noch heraus zu finden, ob die Universität Göttingen dabei mitzieht - vielleicht in irgendwelchen Semesterferien, in 3/4/5 Jahren im Sommer an einem Wochenende ? Ich würde natürlich auch sehr gerne kommen.In einer Initiative wären somit Eltern stark wahrnehmbar. Ganz liebe Grüße Gabriele.