mittendrin in der Schweiz- eine Herausforderung (1/2)

Am liebsten hätte ich ich schon aus der Schweiz geschrieben... zunächst am ersten Tag noch voller Begeisterung nach dem Wiedersehen mit dem Wallis nach über 12 Jahren und am vierten Tag dann mit der Ankündigung, dass ich mit Henri früher abreise. Wir sind geblieben und das kam so: 

Am ersten Wandertag beeindruckt Henri zunächst mit seinem Lauftempo, das sich die ersten beiden Stunden fast dem der Gruppe (die mit ca. 20 Erwachsenen und Kindern nicht eben klein ist)  anpasst. Er bekommt viel Lob und die Gruppe trägt uns mit. Dirk muss während unseres Schweizaufenthalts arbeiten, er reist nur tageweise aus Offenburg an, sodass ich mir manchmal ein bisschen wie eine Einkindalleinerziehende vorkomme. Einkind weil ich die große kleine Schwester Amelie vor allem zu den Mahlzeiten sehe und sie unterwegs und am Abend vor allem die Freiheit unter Gleichaltrigen in vollen Zügen genießt.

Mit der Zeit - wir sind gerade am Anfang des Kapellenweges nach Saas-Fee- spüre ich Henris aufkommenden Unwillen, der sich auf der sprachlichen Ebene in der Regel zunächst in einem dahin gemurmelten Willnich äußert. Die erste Hälfte des Kapellenweges ist geschafft, als der Protest deutlicher wird und Henri sich schließlich auf den Boden legt. Die vertraute ungute Spirale kommt in Gang ... Bitte Henri, alle warten auf uns... Henri schaut teilnahmslos vor sich hin und alles, was er sagt, ist ein trockenes Willnich. Nach einer Weile bekomme ich Verstärkung ... viele Überzeugungsversuche und noch mehr Worte... mir kommen erste Zweifel, ob die Entscheidung mit Henri zum Wanderurlaub in die Schweiz zu fahren, eine gute (meiner Erholung dienliche) war. Schließlich sage ich, dass ich oben an der großen Kapelle, wo die anderen schon lange rasten, warte und gehe weiter, habe ihn aber selbstverständlich immer im Blick. Meine Geduld lohnt sich -  tatsächlich steht er nach einer Weile auf und kommt nach - langsam und immer wieder stehenbleibend. Henri geht ein wenig, bleibt stehen, setzt sich... Willnich... Bitte Henri, alle warten auf uns. Oben darfst du dein Brot essen... Irgendwann kommen wir tatsächlich an und werden freundlich empfangen. Und dennoch: Das Ganze kostet viel Kraft - erst ein paar Tage später wird mir klar, warum:

Ich stehe dazwischen: Auf der einen Seite das Kind, das partout nicht will und dessen Unwille umso stärker wird, je mehr er meinen Druck spürt. Auf der anderen Seite die Gruppe, die Familien, die immer wieder warten müssen, weil wir beide nicht hinterherkommen. Auch wenn alle verständnisvoll sind - ich fühle ich mich nicht gut damit, dass wir diese besondere Rolle haben, die von anderen viel Geduld und Rücksichtnahme fordert. 

 

 

 4. Oktober 2017 - auf dem Weg nach Saas-Fee

Helfende Hände sind immer da - von Kindern und Erwachsenen. Henri ist mittendrin und gut aufgehoben.

Unten rechts dann die erste Willnich-Situation.

  

 4. Oktober 2017

Geschafft - die Erleichterung steht ihm ins Gesicht geschrieben.

 

 

Für den zweiten Tag ist vereinbart, dass Henri des größten Teil des Tages mit Oma verbringt und wir uns am Gletschersee treffen. Unvorhergesehene Vorkommnisse erfordern ein Abweichen von der ursprünglichen Planung. Letztendlich sitze ich mit Henri und vielen Wanderwilligen an einem wunderschön gelegenen Bergbach, Henri wirft wie die anderen Kinder Steine in den Bach und alles scheint gut. 

 

 

5. Oktober 2017 - Saas-Fee  

Henri wird nicht müde, Steine in den Bach zu werden - er ist glücklich!

 

 Dann aber machen sich die anderen für einen weiteren Aufstieg bereit, der für Henri nicht zu schaffen wäre. Henri will nun aber  nicht mit mir, sondern mit den anderen gehen, für Argumente ist er nicht zugänglich. Natürlich hat er keine Einschätzung von dem anderen Weg und macht sich selbstverständlich auch keine Gedanken, dass er alle anderen abbremsen bzw. stoppen würde. Selbst das Argument, dass wir ja Oma und Opa treffen können und er dann mit dem Bus zurückfahren darf, zieht nicht. Willnich. Ich bin sicher, dass die Gruppe mich nicht allein mit einem scheinbar beweglosen Henri zurücklassen würde. Einerseits schön, andererseits fühle ich mich sehr unter Druck, die Situation möglichst bald so zu lösen, dass die anderen aufbrechen können. Es vergeht eine halbe Stunde bis einer von ihnen Henri bewegen kann ... er ist wohl der Coolste von allen: Er macht nicht viele Worte, sondern verspricht Henri eine gute (coole?) Zeit, wenn wir unten sind. Und Henri lenkt ein! Der Wohltäter ist übrigens nicht nur Musiker, sondern auch Förderlehrer... anscheinend hat er den richtigen Ton getroffen und ich bin ihm so dankbar, dass er diesen Druck von mir genommen hat. 

5. Oktober 2017 - Saas-Fee

Die Brücke: Ich stehe links - Henri rechts... eine halbe Stunde scheint keine Bewegung möglich.

Am Ende haben wir es dann doch geschafft ... mit Oma und Opa sind wir auf dem Weg nach Saas-Fee. 

 

 

 

6. Oktober 2017 - Höhenweg Saas-Grund - Saas-Fee

Am nächsten Tag ist auch Dirk wieder zurück und wir dürfen eine richtig schöne Wanderung machen – Henri hat einen schönen Tag mit Oma und Opa. 

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