Morbus Scheuermann - dritter Anlauf

Zusammenfassend die Vorgeschichte für diejenigen, die noch den Verlauf nicht kennen. Schon seit Jahren war uns Henris krummer Rücken aufgefallen. Es sah und sieht - je nach Haltung - oft richtig gruselig aus ... siehe das Foto rechts im Schwimmbad. Jedoch hatte keiner unserer bis dahin behandelnden Ärzte einen besonderen Handlungsbedarf gesehen  ... Schwache Muskeln gehören zum Down-Syndrom dazu und daraus resultiert eine schlechte Haltung ... und ich habe ausnahmsweise (!) mal nicht nachgehakt ;-) Man lege es mir nicht als Ärzteschelte aus - wie ich gesehen habe, wird ein Morbus Scheuermann oft spät erkannt, weil er vor allem in der ersten Zeit von einer muskulär bedingten schiefen Haltung nicht klar zu unterscheiden ist. Gleichzeitig bestätigt es mich in meiner Haltung, Diagnosen und Therapien im Rahmen meiner Möglichkeiten zu hinterfragen und gegebenenfalls auch eine Zweit- oder Drittmeinung einzuholen. Was Henris komplexen Herzfehler betrifft, ist es für mich mittlerweile selbstverständlich nachzufragen ... beim Rücken habe ich es verpasst. Leider hat Henri mittlerweile eine Kyphose (Krümmungsgrad) von ca. 72/73°. Was über 50 ° liegt, ist behandlungsbedürftig. Aber der Reihe nach: 

Im letzten Frühjahr las ich in der Tageszeitung von dem Kid-Check, einer Reihenuntersuchung  in der hiesigen Uni-Klinik, bei dem man seine Kinder und Jugendliche von Orthopäden und Sportmedizinern checken lassen kann. Sofort habe ich Amelie und Henri angemeldet und dabei auch gehofft, dass mir nun von Fachleuten bestätigt wird, dass Henris Rücken keiner besonderen Behandlung bedarf. Das erste, was der Leiter der Studie zu mir sagte, war Morbus Scheuermann, das wissen Sie...? ... aus allen Wolken gefallen, wäre übertrieben, denn mein ungutes Gefühl hatte mich letztendlich diese Untersuchung getrieben. Hier ist der (offizielle, sprich aktenkundige) Beginn der Morbus-Scheuermann-Thematik nachzulesen.  

Umgehend habe ich unseren Kinderarzt kontaktiert, der uns an einen Orthopäden vermittelt hat. Auch dieser Arzt  erkannte den Morbus Scheuermann mit bloßem Auge, verifizierte die Diagnose dann aber noch mit Hilfe eines Röntgenbildes. Er war relativ unaufgeregt, meinte auf Nachfrage, man könne es mit Physiotherapie versuchen. Allerdings gäbe es für diese Krankheit keine Besserung - durch gute Haltung, Bewegung und den richtigen Sport könne man allenfalls verhindern, dass es schlimmer wird. Was für eine Perspektive :-(  ! Als Sport schlug er - auf Nachfrage hin -  Schwimmen vor. Seitdem hat Henri einmal in der Woche Physiotherapie und geht zweinmal die Woche im Schwimmverein schwimmen. Positiver Nebeneffekt: Er ist ein sehr guter Schwimmer geworden, jedenfalls habe ich keine Chance mehr neben ihm ;-).

Ich kann nicht sagen, ob der Scheuermann durch diese Maßnahmen nun in seinem Fortschreiten gebremst werden konnte. Ich versuchte, mich nicht verrückt zu machen und mich nicht an etwas aufzureiben, was nicht zu ändern ist. Letztendlich ist es unerheblich, ob ich mir Sorgen mache oder nicht ... dachte ich mir angesichts der Einschätzung des Orthopäden. Zumal ich alles, was ich tun konnte, gemacht bzw. angeleiert habe: Physiotherapie läuft, zweimal die Woche Schwimmen auch und regelmäßige Ermahnungen, er solle bitte gerade sitzen, stehen, gehen, sind Alltag.

Und dennoch bin ich in der letzten Zeit wieder unruhig geworden und habe bei meinem Heilpraktiker und Berater erstmals von der Möglichkeit eines Korsetts gehört... Fachfremd, ich weiß ... aber er brachte den Stein ins Rollen und dafür bin ich ihm dankbar. Wieder bin ich zum Kinderarzt und sprach ihn auf ein Korsett an. Er habe zwischenzeitlich eine Kinderorthopädin aus Hannover kennengelernt, die er uns sehr empfehlen könnte. Sie sei in dieser Frage sicher die beste Ansprechpartnerin, denn sie sei nicht nur Fachärztin für Kinderorthopädie, sondern auch für Down-Syndrom. Als wir dann die Röntgenbilder bei Henris Orthopäden abholten, sprach auch er uns auf diese Kinderorthopädin an, die er bei einem Vortrag kennengelernt hatte. Jetzt auf einmal tat sich eine neue Perspektive auf. 

Nach einer Wartezeit machten wir uns vorgestern auf den Weg nach Hannover. Wir haben es nicht bereut, ganz im Gegenteil. Frau Kamping erwies sich als echte Spezialistin: Schon im Vorgespräch und bei der Untersuchung war klar, dass Morbus Scheuermann für sie vertrautes Terrain ist - alles richtig gemacht :-). Wir haben lange gesprochen, viel gefragt und sind mit einer neuen Perspektive nach Hause gefahren. Man kann ein Korsett nicht nur versuchen, Henri braucht ein Korsett. Wie oben schon geschrieben, ist die Kyphose mit über 70 ° ziemlich heftig. Wir haben nun ein Rezept für ein Reklinationskorsett, dass Henri die nächsten 3-5 Jahre Tag und Nacht begleiten soll.

Gedanken wie Was wäre (gewesen) , wenn man  ... hätte? versuche ich  nun konsequent beiseite zu schieben... Sie sind ja nicht hilfreich, um Henri jetzt bestmöglich zu unterstützen. Soeben habe ich den ersten Termin mit einem Orthopädietechniker gemacht. Hoffen wir, dass Henris innere Stärke ihm auch weiterhin beim Durchhalten und auf-die-Zähne-beißen hilft. (Alt weiter!)

 

 

 

Links die Röntgenaufnahme vom Juni 2016  - rechts ein Schnappschuss beim Schwimmen im Mai 2017.

 

 

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