Down-Sportlerfestival in Frankfurt am 4. Juni 2016

Schon gleich nach  unserem ersten Sportlerfestival im letzten Jahr war Henri schon voller Vorfreude auf das nächste. Das Warten hatte sich gelohnt und es war wie wieder ein tolles Erlebnis, nicht nur für Henri. Schade nur, dass wir dieses Mal nur zu viert da sein konnten. Marie konnte sich in Tübingen nicht freimachen und Elias war auf Klassenfahrt in Barcelona. Vielleicht kann er mir ja wieder ein Video mit unseren Eindrücken schneiden - vor allem auch wegen der Stimmung bei der feierlichen Eröffnung und dem anschließenden Einzug der Sportler, aber auch bei der Siegerehrung.

Das mit dem Down-Sportlerfestivial verbundene positive Gefühl stellt sich schon ein, wenn man vor Beginn der Veranstaltung in der Warteschlange steht und auf das Festival-Shirt mit der Startnummer wartet. Man stelle sich vor: Überall Downies, große, kleine, sogar ganz kleine, wohin man auch schaut. Wieder habe ich schon vor dem offiziellen Beginn  beobachtet, wie sich bei mir Wahrnehmung und damit verbundene Empfindungen verändert haben. Wenn ich mit Henri unterwegs bin, habe ich eigentlich kaum das Gefühl angestarrt zu werden, bin mir aber doch bewusst, dass wir wohl auffallen. Dieses Gefühl, anders zu sein, begleitet mich immer und auch unseren nichtbehinderten Kindern geht es so. In Frankfurt dagegen sind wir als Familie plötzlich vollkommen "normal" - keine Sonderrolle.  Es fühlt sich für mich ähnlich an, wie wenn wir mit Henri in der Nachsorgeklinik Tannheim sind. Dort haben alle ein schwer krankes Kind, unter den Rehateilnehmern scheint ein stilles Einvernehmen zu herrschen, das erstaunlich viel Freude zulässt. Natürlich  spielen die Familien in Tannheim in einer ganz anderen Liga, denn ihre Sorgen sind meist existentieller(er) Natur ... diese Einschätzung erlaube ich mir als seit Henris Geburt zu beiden Gruppen zugehörige Mutter. Dennoch: Auch Familien mit einem Kind, das körperlich gesund ist und "nur"  Down-Syndrom hat, machen im Alltag oftmals andere Erfahrungen als Eltern mit nichtbehinderten Kindern. Beim Sportlerfestival erkenne ich bei anderen Kindern so viel Gemeinsamkeiten mit Henri: Offene Freude und Begeisterung - echt und vollkommen authentisch. Leider kann ich nur die Fotos unserer Kinder zeigen - das Strahlen der anderen ist genauso sehenswert und berührt mich immer wieder neu. Und auch mit den Böckchen kommt man dort in Berührung. Natürlich ist es keine eigene Gruppe - es sind die, die noch kurze Zeit vorher in überschwänglicher Freude gejubelt und getanzt haben. Aber wenn plötzlich und wie aus heiterem Himmel etwas nicht läuft wie erwartet, geht erst einmal gar nichts mehr. Ich kann mich noch gut an eine Situation im letzten Jahr erinnern, wo eine Familie hinter uns alles Mögliche versucht hat, einen jungen Mann von etwas zu überzeugen, was für andere selbstverständlich ist. Mit Engelszungen, wechselweise freundlich, bittend und drohend haben sie auf ihn eingeredet ... er sagte einfach nur nein!, völlig unbeeindruckt nein!.  

Henri fühlt sich in Frankfurt richtig wohl und die Gesellschaft der anderen Downies tut ihm gut. Neben seinem Geburtstag, den Weihnachtstagen im Schwarzwald, dem Sommerurlaub und den Kurzaufenthalten bei seiner geliebten Frau Hartmann ist das Festival ein echter Höhepunkt des Jahres. Seine Freude überträgt sich auf mich und die ganze Familie und vielleicht fühle ich mich deshalb beim Sportlerfestival den Gegnern der inklusion Schulen etwas näher - glaube eine vage Vorstellung zu haben, was sie antreibt, wenn sie auf der Suche nach einer passenden Förderschule sind. Es hat tatsächlich auch etwas für sich, unter "Gleichen" zu sein.

Zu zwei Workshops hatte ich Henri angemeldet. Weil er so gerne singt, musste der Musikworkshop dabei sein: Dort wurde die brandneue offizielle Hymne Das ist unser Tag fleißig mit Mund, Armen und Händen geübt und später bei der Schlussveranstaltung mit Begeisterung aufgeführt. Im Basketballworkshop stellte Henri seine gute Wurftechnik unter Beweis und traf den Korb mehr als einmal. Für jeden Treffer gab es ein Give me Five, am Ende sogar einen von dem großen schwarzen Mann, den ihr auf den Fotos seht und der alleine aufgrund seines Aussehens eine überaus hohe Fachkompetenz ausstrahlte ;-) Das Team reichte auch zum Abklatschen die Hand, wenn ein Ball nicht im Korb gelandet war. Aber Henri wollte in diesen Fällen kein Trotzdem toll gemacht, beim nächsten Mal triffst du wieder ! hören und trollte sich mit enttäuschten Gesicht, um sich wieder anzustellen. Beim nächsten Treffen war das Strahlen dann wieder zurück :-)

Einer der vielen Höhepunkte war auch wieder die Geschwisterolympiade, wo Geschwister gemeinsam an den Start gingen und gemeinsam punkten konnten. Dort stehen die Geschwisterkinder im Fokus, die im Alltag leider oft zu kurz kommen - Schattenkinder nennt man sie deshalb auch. Mit Amelie war es wie ein Déjà-Vu. Wie schon im  letzten Jahr stand sie ungewohnt ernst vor den Plakaten mit Zitaten von Geschwistern kranker und/oder behinderter Kinder. Ihr Kommentar war fast wortwörtlich der gleiche wie schon im vergangen Jahr: Ja, Mama ... genauso ist das. Die Eltern merken das nur nicht... Beim gemeinsamen Rennen, Werfen und Balancieren machte die Nachdenklichkeit wieder der Begeisterung Platz, mit der auch Amelie von diesem Festival spricht. 

Ganz unerwartet habe ich beim Festival auch Kirsten, die Mama von Hans im Glück getroffen. Hans hat einen ähnlichen Herzfehler wir Henri, ist mit mittlerweile 16 Jahren schon ein echter Teenie und scheint Henri wie immer schon um Welten voraus zu sein. Als wir uns zum ersten Mal und gleichzeitig auch zuletzt gesehen hatten, waren unsere Jungs etwa 2 und vier Jahre alt und unser Kontakt ist seit dem nie abgerissen ... was haben wir nicht schon alles auch über die große Entfernung hinweg zusammen erlebt... Erinnerst du dich noch an die Geschichte mit der Kuckucksuhr, liebe Kirsten? Vor Jahren, Hans war noch im Grundschulalter, staunte ich schon, als Kirsten mir erzählte, dass Hans vom Dreierbrett springt ... und bewunderte nicht nur Hans, sondern auch seine mutige Mutter. Heute fährt Hans - zur Sicherheit ausgestattet mit einem GPS-Sender - alleine zur Schule. Diese Fähigkeit, man könnte es  in der Fachsprache auch Alltagskompetenz nennen,  hat er vor allem seiner mutigen Mutter zu verdanken. Henris Mama dagegen hat im Fach Zutrauen noch großen Lernbedarf. Mittlerweile darf Henri nach dem Unterricht alleine in die Schulküche gehen und ich komme nach, wen er sich bereits sein Essen geholt und an einen Tisch gesetzt hat. Aber beim Überqueren der Straße kommt immer die Hand - ein Reflex, den ich nur mir großer Willenskraft übergehen kann. 

Mittlerweile ist Sonntag und mir fällt auf, wie ich so langsam in den Erzählmodus komme. Vor der Tür fiept ein Hund, der Aufmerksamkeit sucht .. im Gegensatz zu Henri, der froh ist, dass er sich (nur) scheinbar unbemerkt mit seiner Fahne auf Nachbars Wiese verziehen konnte. 

Ich höre also auf und hoffe, den Beitrag bald noch mit einem Video ergänzen zu können.

 

Hier noch der Link zur Website des Down-Sportlerfestivals. 

 

Habt einen schönen Sonntag! 

 

In freudiger Erwartung: Henri bei der feierlichen Eröffnung und bei der ersten Disziplin - dem 50 m-Lauf. 

 

 

Die Veranstalter hatten wieder für eine relativ hohe Promidichte gesorgt: Der einzige mir bekannte war mein Traummann aus alten Zeiten: Hans Beimer alias Hans Joachim Luger ;-) Die beiden rechts unten erreichten beim Mann-Hund-Schönheitswettbewerb einen unangefochtenen ersten Platz und Felicitas Woll (oben rechts beim Musikworkshop) kennt man wohl vor allem als Krimi-Seher. 

In Teleperspektive von der Tribüne aus: : Strahlende Sieger und ein Gruß in die Menge begeisterter Zuschauer  :-)

 

 

Henriiii, du sollst nicht posen!  ermahnt ihn die große kleine Schwester bei jeder Gelegenheit - Henri tut es trotzdem.

 

 

5. Juni 2016 - am Tag danach im Frankfurter Palmengarten

 

Der Ausflug in den Palmengarten hatte sich gelohnt - wenn nicht zu Hause Amelies Jahresarbeit gewartet hätte, wären wir gerne noch etwas länger geblieben. 

 

 

Diese Fotos und vor allem die Geschichte dahinter wollte ich euch nicht vorenthalten. Der Tag war schwül und nachdem sich die Kinder im Garten und auf den Spielplätzen verausgabt hatten, machten sie eine kleine Rast vor dem uralten Baumstamm.  Nach dem ersten Foto sagte  Amelie: Und JETZT, wie wir RICHTIG  sind... Machst du mit Henri? Dieser verstand offenbar schnell, worum es ging, nahm die Stimmung auf und setzte Amelies Vorschlag um ;-)

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